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Hier und heute mal wieder ein schön intellektueller Beitrag zum Theater. (extra für
ihn, ch ch ch) Heiner Müller erzählt von einem befreundeten Verlegerehepaar in Massachusetts:
„Die Verlegerin der amerikanischen Übersetzungen meiner Texte und ihr Mann – der arbeitete au auch im Verlag – haben ein Landhaus irgendwo am Atlantik, nordöstlich von New York. Und irgendwann wollten die Nachbarn wissen, was sie so treiben. Sie sagte, sie habe was mit Theater zu tun, und nun wussten die Nachbarn nicht, was Theater ist. Es waren keine Analphabeten, sondern ganz wohlhabende Mittelstandsamerikaner, die wussten aber nicht, was das ist. Dann hat sie versucht, und das fand ich ganz interessant, denen zu beschreiben: Was ist Theater? – Das ist also eine Bühne, und da gehen Leute rauf, und die spielen dann andere und tun so, als ob sie andere sind, und spielen die Geschichte dieser anderen. Und unten sitzen Leute, die sich das ansehen und anhören, denen das gefällt oder nicht gefällt und die am Schluss applaudieren oder auch nicht.
Dann hatte die Frau das begriffen, die Frau von dem Nachbarn: „Oh yeah, TV!“ – Fernsehen. Dann wusste sie, das ist Fernsehen. – Das ist vielleicht in Europa noch nicht so (lacht), aber es bahnt sich langsam an.“ (aus: Theater ist Krise. In: Ich Wer ist das. Im Regen aus Vogelkot Im. KALKFELL. für HEINER MÜLLER. ARBEITSBUCH)
Das gibt einem schon zu denken. Ist Theater überhaupt noch ein Medium der Gegenwart bzw. der Zukunft? Ich glaube und hoffe ja! Wo sonst hat man einen so unmittelbaren Kontakt zum Schauspieler und zum Stoff? Wo sonst als in einer Schlingensief-Inszenierung muss man um seine Kleidung bangen, weil er ev. mal wieder mit Farbe um sich schmeisst? Wo sonst kann der Abend in die eine Richtung oder andere abdriften? Wo sonst lebt man so mit den Figuren mit, erlebt ihre Schmerzen, Freuden und Tränen so unmittelbar und wird in ihren Bann gesogen?
Hiermit endet mein kleines Plädoyer fürs Theater und ich wünsche noch einen schönen Sonntag. Es grüsst Pudel, die Theaterschlampe ;-)